3.4.2012 Bad Sodener Zeitung

Mandolinen-Orchester Neuenhain fasziniert mit Musik vom Wüstenplaneten „Plük“

Fruehjahrskonzert12

Das Bürgerhaus Neuenhain ist trotz Grillwetters gut gefüllt, als das Jugendorchester MONsters unter der Leitung von Christa Keller die Bühne entert. Von den jungen Wilden der Neuenhainer Mandolinenszene gibt es Filmmusik aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“ und „Mission Impossible“, letzteres lautstark unterstützt durch den Einsatz einer E-Mandoline (gespielt von Lea Wiesemann) und einer Bongo (gespielt von Sascha Schultz). Auch der Ungarische Tanz No. 5 von Johannes Brahms und ein interessant verschachteltes Stück im 7/8 Takt wird dargeboten. Der Rhythmus stimmt nicht immer haargenau und manchmal ist auch ein krummer Ton dabei, aber die MONsters sind ein ausgesprochen sympathisches Jugendorchester und deshalb geizt das Neuenhainer Publikum auch nicht mit Beifall.

Das Mandolinen-Orchester Neuenhain (MON), das sogenannte „Erwachsenenorchester“, eröffnet den zweiten Teil des Abends mit einem echten Hinhörer. Im Original ist die Sonate in D von Wolfgang Amadeus Mozart für Klavier zu vier Händen komponiert, aber das MON spielt das Allegro mit solch einer Freude und musikalischer Präzision, dass keiner ein Tasteninstument auf der Bühne vermisst. Klanglich besonders hervorzuheben ist die Fantasia I von John Dowland. Mit der ausdrucksstarken Interpretation dieses Renaissancestücks hat das MON bereits die Qualifikation für den Deutschen Orchesterwettbewerb im Mai gewonnen und auch heute beweisen sie – mit Mandolinen und Gitarren kann man sowohl technisch als auch klanglich anspruchsvolle Musik machen. Glänzender Höhepunkt des Abends ist zweifellos das furiose Ende von Tombeau y Danza von Mirko Schrader. Die Spielerinnen und Spieler des MON schaffen es mit ausufernder Dynamik das Publikum restlos in seinen Bann zu ziehen. Es ist mucksmäuschenstill im Saal, die Zuschauer halten den Atem an und brechen nach dem letzten Abschlag im Forte Fortissimo in frenetischen Jubel aus. Einziger Wehrmutstropfen des Abends ist die Minimal Music Komposition von Tilman Hübner. Mendelssohn Mischen kann mit seiner Aneinanderreihung repetitiver Strukturen nicht überzeugen. Zu lange sind die Pausen im Mittelteil in denen man sich fragt: „was will uns der Komponist eigentlich damit sagen?“ Zuletzt wird es außerirdisch. „Die Plükaner verständigen sich mittels Telepathie“, erklärt MON Dirigent Helmut Oesterreich einem sichtlich gespannten Neuenhainer Publikum. „Es gibt aber auch zwei Wörter in ihrer Sprache“, so Oesterreich weiter, „Ku und Kü. Das zweite ist das einzig zulässige Schimpfwort.“ Die Erläuterung zum folgenden Stück Little Daneliade von Gyia Kancheli klingt schon einmal sehr vielversprechend. Was das MON dann aber zu Gehör bringt, übertrifft alle Erwartungen. Zartes Pizzicato in den Mandolinen, selbstbewusste Mandolen, zwischendurch ein aufbrausendes Gitarrencrescendo und die eingeworfenen Worte der Plükaner (gesprochen von Teresa Kunz  und Lukas Ernst ) fügen sich zu einem greifbaren Klangbild. Man sieht die beiden Hauptfiguren aus dem sowjetischen Kultfilm Kin-dsa-dsa! förmlich durch die karge Landschaft des Wüstenplaneten stapfen. Ganz zum Schluss dreht sich der Dirigent Richtung Zuschauerraum, breitet die Arme aus zum Gruß, das ganze Orchester ruft „Ku“ und das Publikum lacht und klatscht und wird das Mandolinen-Orchester Neuenhain mit Helmut Oesterreich nicht ohne Zugabe von der Bühne lassen. So schütteln die Musiker noch ein beschwingtes Sir Duke von Stevie Wonder in Zupforchesterversion aus dem Ärmel. Ein beflügelndes Konzert – bei mir klingen die Mandolinen jedenfalls immer noch nach. (spf)

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